Fred Luchsinger

* geboren 09.07.1921 in Sankt Gallen
† gestorben 09.05.2009 in Sankt Gallen


Journalist; Chefredakteur der NZZ

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Übersicht

Auf der Grundlage von zwei persönlichen Gesprächen mit Helmut Kohl in den Jahren 1983 und 1984 brachte der langjährige Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, Fred Luchsinger, in persönlichen Aufzeichnungen seine Eindrücke des damals noch neu im Amt befindlichen deutschen Bundeskanzlers zu Papier.

Zur Schweiz hatte Helmut Kohl ein deutlich weniger enges und persönliches Verhältnis als zu Österreich. Er verhielt sich in dieser Hinsicht wie umgekehrt zu Konrad Adenauer, der häufige Besuche in der Schweiz, auch für Ferienaufenthalte, schätzte. Kohl hingegen verbrachte regelmäßig seine Sommerferien im österreichischen Sankt Gilgen am Wolfgangsee im Salzkammergut. Auch das Verhältnis des langjährigen Bundeskanzlers zu Schweizer Bundesräten hatte nie die Intensität seiner Beziehungen zu österreichischen Politikern. Dennoch war die Schweiz als Nachbarland und Finanzzentrum der Welt auf Helmut Kohls persönlichem Radarschirm im oberen Bereich angesiedelt. Das galt auch für die Neue Zürcher Zeitung als das führende Qualitätsblatt deutscher Sprache und ihren Chefredakteur. Zu der Zeit, als Helmut Kohl im Jahr 1982 Bundeskanzler wurde, hatte dieses Amt Fred Luchsinger inne.

Zur Biografie Luchsingers

Luchsinger war Ostschweizer, 1921 in Sankt Gallen geboren. Er hatte 1940 ein Studium der Geschichte und Literatur an der Universität Zürich aufgenommen, seit Herbst 1940 nach dem Besuch der Rekrutenschule wiederholt aktiv Dienst in der Schweizer Armee als Beobachteroffizier in der Fliegertruppe geleistet, und war 1948 bei Werner Kaegi in Basel mit einer Arbeit unter dem Titel „Der Basler Buchdruck als Vermittler italienischen Geistes 1470-1529“ im Fach Geschichte promoviert worden.

 

Luchsinger war 1949 als Volontär zur NZZ gekommen und dann die Stufen der Leiter hinaufgestiegen, vor allem als Mitglied der Auslandsredaktion, deren Leitung er 1966/67 innehatte. 1968 trat er die Nachfolge des langjährigen Chefredaktors Willy Bretscher an. Er sollte diese Aufgabe bis 1984 bekleiden. Luchsinger stand für Qualitätsjournalismus, „markant und direkt im sprachlichen Ausdruck, sicher und überzeugend in der Meinungsäußerung, dennoch differenzierend und von einer beeindruckenden Bescheidenheit, die sich aus großer Erfahrung und Kenntnissen nährt“, wie es in dem 2009 veröffentlichten Nachruf der NZZ hieß.

Vor allem in Deutschland hatte Fred Luchsinger einen guten Namen. Als Korrespondent in Bonn beobachtete er den Wandel deutscher Politik im Schatten der politischen Großwetterlage des Kalten Krieges in den Jahren 1955 -1963 aufmerksam und verstand es, durch seine glasklaren Analysen die Wertschätzung von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dessen Ohr zu gewinnen. Luchsinger blieb auch nach seiner Rückkehr in die Falkenstraße in Zürich ein stets kenntnisreicher Beobachter der politischen Verhältnisse in Deutschland. Er war zudem in der strategischen Gemeinschaft der atlantischen Welt bestens vernetzt und ein regelmäßiger Gesprächspartner von Henry Kissinger.

Erstes Gespräch mit Helmut Kohl

In seinen Gesprächen mit Helmut Kohl, deren Aufzeichnungen sich in seinem Nachlass im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich befinden, verstand Luchsinger es, den Bundeskanzler zu markanten Aussagen zu bewegen. Die erste Unterredung fand am 14. Juli 1983 in Bonn statt. Der Zeitpunkt des Interviews war günstig. Hinter Helmut Kohl lag ein schwieriger Anfang und sodann die eindrucksvolle Bestätigung durch die deutschen Wählerinnen und Wähler bei den Bundestagswahlen am 6. März 1983. Doch zunächst hatte er nach seiner erfolgreichen Wahl zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982 gegen die Fama der Delegitimierung kämpfen müssen. Sein abgewählter Amtsvorgänger Helmut Schmidt und dessen SPD hatten in einer groß angelegten Kampagne mit breiter medialer Unterstützung das Narrativ des „Verrats am Wähler“ aufgrund des Koalitionswechsels der FDP aus dem sozial-liberalen in das christlich-konservative Regierungsbündnis in die Welt gesetzt. Jetzt, im Sommer 1983, saß Helmut Kohl fest im Sattel.

Luchsinger trat dem vor Selbstbewusstsein strotzenden Bundeskanzler mit einer gewissen Reserve entgegen. „Leicht demonstrativ führt Kohl seine breite menschliche Anlage vor, jovial, betont selbstsicher jetzt, und gelassen regierungserfahren. (…) Der ganze Frust aus der Oppositionszeit ist weggefallen, Empfindlichkeit und Eitelkeit nach wie vor sichtbar: Er wünscht sich auch in der ausländischen Presse mehr Propaganda als nüchterne Berichterstattung, die er für überheblich hält.“ Kohl wollte vor allem als Enkel Adenauers gesehen werden, stolz auf das in der Bundesrepublik Erreichte, ganz mit dem für seine Generation typischen Gefühl des „Wir haben es geschafft“. Luchsinger erkannte, wie europäisch Kohls Politik eingebettet war. Seitenhiebe auf Konkurrenten, die Kohl geschickt einfließen ließ, zeigten, wie sehr Kohl bei aller Konzentration auf die internationale Politik immer auch Innenpolitiker geblieben war: Die FDP habe die Chance, Volkspartei zu werden, „gründlich verpasst“, so der Kanzler, und halte sich an Randgruppen. Von der Schweiz wünsche er sich vor allem, dass man „etwas herzlicher positiv über die Bundesrepublik schreiben“ möge.

Zweites Gespräch mit Helmut Kohl

Ein zweites Gespräch bildete die inhaltliche Fortsetzung des ersten. Es fand am 10. Januar 1984 im Grill Room des Hotels Baur au Lac in Zürich statt. Interessant war der Einstieg, den Helmut Kohl dafür wählte. Er begann mit einer ordentlichen Salve und kritisierte eine Bemerkung des NZZ-Redaktors Walden, wonach die „die NZZ eine so gute Zeitung sei, weil sie ‚für ein gesundes Volk‘ schreibe - währenddem die Deutschen ‚krank‘ seien.“ Kohl habe diese Bemerkung nicht akzeptieren wollen, schrieb Luchsinger: Die Deutschen seien so normal, wie jedes andere Volk; dieses ganze Gerede sei barer Unsinn. Man dürfe die Bundesrepublik nicht nach dem beurteilen, was vom Bonner Hauptstadtgeschwätz beeinflusste Journalisten schrieben, wie auch Reinhard Müller, der Korrespondent der NZZ in Bonn. Er, Kohl, habe immer auch den Kontakt mit Leuten außerhalb gesucht. Er habe die Partei neu aufgebaut, in allen Gegenden der Republik. Für ihn stehe es fest, dass nicht nur die mittlere Generation noch genauso denke und ihre Optionen genauso treffe wie vor zwanzig Jahren, sondern dass auch die Jungen von pazifistischen Versuchungen etc. nicht ernstlich betroffen seien. Bundeswehroffiziere aller Grade versicherten ihm, heute hätten sie die beste Rekrutengeneration aller Zeiten, technisch fachverständige jungen Leute, die etwas leisten wollten - und das sei die ganze Geschichte.

Kohl enthüllte hier im Gespräch mit Luchsinger in nuce sein politisches Weltbild: ein festes Vertrauen in die Deutschen, insbesondere in seine eigene Generation, und vor allem in die Jungen, Nachrückenden; seine Fähigkeit, sich gegen Zeitgeisttendenzen des Pazifismus und des linksliberalen, postnationalen Denkens zu imprägnieren; ein Misstrauen gegen die selbstreferentiellen Hauptstadtinterpreten („Hauptstadtgeschwätz“), und das Wissen um die „forces profondes“, dass nämlich Wahlen vor allem in der Fläche gewonnen werden. Die Struktur der Bundesrepublik sei eine andere als die des Deutschen Reiches, auch konfessionell: „Katholische Mehrheit. Da, aber auch beim norddeutschen protestantischen Flügel steht die pro-westliche Option außer allem Zweifel.“

Das zweite große Thema dieses Gespräches waren die europäischen Perspektiven. Als Helmut Kohl sein Amt als Bundeskanzler antrat, fand er Europa in einer Krise, die mit dem Wort „Eurosklerose“ gut zusammengefasst wird. In seinem Gespräch mit Luchsinger ließ er keinen Zweifel daran, dass er überzeugter Europäer sei. Dies war für ihn auch eine Frage der Einsicht in die strategische Stellung Europas. Er beurteilte den Rüstungsvorsprung der Vereinigten Staaten als “überwältigend“. Auch seien, so zitiert ihn Luchsinger, offenbar die Versuche mit Laserabwehr von Atomwaffen vielversprechend, so dass sich eine Situation ergeben könne, wo Amerika wieder zur ‚fortress America‘ werde, die Europa für ihre Verteidigung gar nicht brauche. Das könne isolationistische Gefahren bergen. Die europäische Krise müsse vor diesem Zukunftshintergrund gesehen werden. Unbedingt müsse aus einer Stärkung Europas eine Stärkung der amerikanisch-europäischen Bindung resultieren.

Fazit

Es ist bemerkenswert, wie sehr schon in den ganz frühen Jahren das europapolitische Konzept Helmut Kohls, so wie es dann nach der Wiedervereinigung im Vertrag von Maastricht (1992) seine politische Wirksamkeit entfalten wird, im Gespräch mit Luchsinger durchschimmert. Kohl war sich der Schwierigkeiten der Entwicklung hin zu einer Politischen Union bewusst und sagte, dass man dafür „wahrscheinlich doch auf den alten Kern zurückgreifen müsse.“ Explizit äußerte der Bundeskanzler hier bereits den Gedanken eines Europas der zwei Geschwindigkeiten, und wenn Luchsinger schrieb, „Kohl scheint Integrationsmöglichkeiten zwischen Frankreich und Deutschland zu sehen“, dann identifizierte er zutreffend den politischen Weg, den Helmut Kohl in den darauffolgenden Jahren so erfolgreich gehen würde. Die abschließende Bemerkung des Gesprächs, wieder als Seitenhieb Kohls gedacht, galt dessen alten Rivalen Franz Josef Strauß, der damals gerade erfolgreich einen Milliardenkredit für die marode DDR eingefädelt hatte. „Kohl deutet die Sache vorerst rein persönlich. Der alternde Strauß, der sein Alter nicht wahrhaben wolle, schlage nach allen Seiten aus und mache Verrücktheiten, wie zum Beispiel die, dass er dauernd noch bei nächtlicher Rückkehr nach München das Flugzeug selber pilotiere, dass er selbst im Jeep höchst strapaziöse Passfahrten durch die Alpen mache, etc. Sodann sei in Betracht zu ziehen, dass man ihn in München loshaben und ihn dort nach Bonn abschieben wolle.“

  • Fred Luchsinger: Bericht über Bonn. Deutsche Politik 1955-1965, Zürich/Stuttgart 1966.
  • Fred Luchsinger: Realitäten und Illusionen. NZZ-Leitartikel zur internationalen Politik 1963-1983, Zürich 1983.
  • Thomas Maissen: Die Geschichte der NZZ 1780-2005, Zürich 2005.
  • Nachruf auf Fred Luchsinger, in: NZZ online vom 12.5.2009 [https://www.nzz.ch/fred_luchsinger_gestorben-ld.565423, zuletzt abgerufen am 12.3.2026]. 
  • Adrian Scherrer: Luchsinger, Fred, in: Historisches Lexikon der Schweiz online [https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041608/2009-12-17/; zuletzt abgerufen am 12.3.2026].

Ulrich Schlie