* geboren 20.11.1912
in
Reichenau an der Rax
† gestorben 04.07.2011
in
Pöcking
Dr.
Thronfolger von Österreich-Ungarn; Europaabgeordneter
| Der Briefwechsel zwischen Helmut Kohl und dem letzten Kronprinzen von Österreich-Ungarn und Europapolitiker Otto von Habsburg gibt einen interessanten Einblick in das Verhältnis beider Persönlichkeiten. |
Helmut Kohl war zeitlebens kein großer Briefeschreiber. Geradezu meisterhaft beherrschte er hingegen die Kunst des persönlichen Gesprächs, indem er das Vertrauen seiner Gesprächspartner zu gewinnen verstand. Der gemeinsame Besuch seiner Lieblingsrestaurants, nicht nur des Deidesheimer Hofs zuhause in Rheinland-Pfalz, sondern auch des Sassella in Bonn oder des Lieblings-Italieners in Washington gehörte dazu. Die Auswahl von Speis und Trank, der Verzicht auf großes Gefolge und höfisches Protokoll, all dies war bei Helmut Kohl der Absicht untergeordnet, einen ergiebigen Meinungsaustausch und ein Klima des freundschaftlichen Verkehrs und des Vertrauens herzustellen. Persönliche Begegnungen waren für Helmut Kohl wichtiger als die schriftliche Reflexion im Brief. Wer Helmut Kohls Briefwechsel studiert, muss sich darüber im Klaren sein. Man erkennt am sachlichen Duktus die Handschrift des Referentenentwurfs, und dort, wo persönliche Bemerkungen eingeflochten werden, die Korrektur des Politikers.
Der Briefwechsel zwischen Helmut Kohl und Otto von Habsburg umspannt die Zeit zwischen 1971 und 2010. Er findet sich in den nachgelassenen Papieren des letzten Kronprinzen der Habsburger-Monarchie, des ältesten Sohnes Kaiser Karls I., des Schriftstellers und Politikers Otto von Habsburg, dessen Archiv auf vorbildliche Weise von der Otto von Habsburg Stiftung in Budapest aufbewahrt und erschlossen wird. Der Briefwechsel ist ein Spiegel der Zeitläufte. Er setzt am 2. Februar 1971 ein, als sich der damalige Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, an „Herrn Otto von Habsburg“ wandte, um ihn einzuladen, Feierlichkeiten im Dom zu Speyer beizuwohnen. Am 7. März 1971, so schrieb Helmut Kohl, werde er „im Namen der Landesregierung im Beisein von Persönlichkeiten aus Staat und Kirche“ das von dem Salzburger Bildhauer Toni Schneider-Manzell geschaffene Portal des Domes zu Speyer an das Domkapitel übergeben. Dies sei ein Anlass, „sich der Bedeutung dieses Domes in der europäischen Geschichte zu erinnern, sich aber gleichzeitig auch auf unsere Verpflichtung für Europa zu besinnen.“
Der Europäer, der Helmut Kohl war, hatte mit sicherem Instinkt die Gemeinsamkeit des europäischen Bewusstseins als Auftakt für die von ihm gesuchte Begegnung gewählt. Otto von Habsburg musste aus Termingründen absagen, wie er am 10. Februar 1971 schrieb, nicht ohne hinzuzufügen: „Nichts hätte mir größere Freude gemacht, als bei diesem historisch so bezeichnenden Anlass teilzunehmen.“
Nach den knapp verlorenen Bundestagswahlen vom Herbst 1976 war es wiederum Helmut Kohl, der den Kontakt zu Otto von Habsburg suchte. Kohl war nunmehr von der Mainzer Staatskanzlei auf die harten Bänke der parlamentarischen Opposition im Deutschen Bundestag als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewechselt (Parteivorsitzender war er schon seit 1973) und gratulierte dem „sehr geehrten Herrn Dr. von Hapsburg“ (sic) per Telegramm zu seinem Geburtstag - es war der 65. im Jahr 1977. Auch dieses Mal enthielt das Schreiben eine Verneigung vor dem europäischen Vermächtnis des Hauses Habsburg: „Als Erbe großer Tradition haben Sie in vorbildlicher Weise dafür gearbeitet, dass das freie Europa seinen politischen und kulturellen Auftrag für die Zukunft erkennt. Ihr hohes politisches moralisch-ethisches Engagement im Interesse der Freiheit unseres Kontinents verdienst (sic) Anerkennung und Respekt.“ Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Noch war die Anrede formal-höflich: „Sehr geehrter Herr Vorsitzender“. Doch die Ausführungen des Kaisersohnes verrieten, dass der CDU-Parteivorsitzende den richtigen Ton getroffen hatte. „Ihre Worte sprechen aus, was auch ich fühle: wir stehen in einem entscheidenden Kampf um die letzten Werte unserer Zivilisation. Es ist unsere Pflicht, durch die Einigung Europas diesen (sic) wieder ein festes politisches Fundament zu geben. Ich bin glücklich zu wissen, dass wir in dieser Arbeit Seite an Seite stehen.“
Es hätte der Auftakt zu einer politischen und persönlichen Freundschaft sein können. Ohne Zweifel war man sich nähergekommen. Der Ton wurde vertraulicher. Seinen Brief vom 6. Juni 1978 adressierte der Oppositionsführer im Deutschen Bundestag schon an „S.K.K.H. Dr. Otto von Habsburg“. Die Anrede war nun „Lieber Herr Doktor von Habsburg“. Den Satz, er würde sich freuen, „wenn wir uns bald wieder in Ruhe aussprechen könnten“, ist als Hinweis zu bewerten, dass nun auch ein unregelmäßiger persönlich-politischer Austausch stattfand. Auch beim Empfang, den der Generalsekretär der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands aus Anlass des 50. Geburtstags von Dr. Helmut Kohl am 23. April 1980 im Großen Saal des Konrad-Adenauer-Hauses in Bonn gab, war Otto von Habsburg unter den geladenen Gästen, musste jedoch wiederum aus Termingründen - diesmal war es die Eröffnung der Europäischen Akademie in Rabat - absagen. Das Geburtstagsschreiben an den „Sehr geehrte(n) Dr. Kohl“ war in vergleichsweise dürren Worten gehalten. Aber Otto von Habsburg stand nun auf den Listen des CDU-Protokolls, das allerdings nicht besonders protokollsicher in der Anrede war. Die Einladung bei der Stabübergabe von Henning Wegener an Peter Hartmann als Leiter des Büros für Auswärtige Beziehungen im Februar 1981 war lediglich an „Herrn Otto Habsburg“ gerichtet. Dieser sagte wiederum aus Termingründen ab.
Seit 1979 saß Otto von Habsburg für die CSU im Europäischen Parlament. Die 1980 knapp im Amt bestätigte sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt und Hans Dietrich Genscher war mit Beginn des Jahres 1982 in den Zustand akuten Zerfalls geraten. Am 13. April 1982 schrieb Otto von Habsburg hellsichtig an Helmut Kohl: „Mit der Entwicklung der politischen Lage ist es nunmehr zumindest eine nicht unberechtigte Hoffnung, dass Sie in nicht zu ferner Zukunft unser Bundeskanzler sein werden.“ In diesem Zusammenhang wolle er „eine Idee aus europäischer Sicht an Sie heranbringen.“ Er wisse um das Verbindende der Auffassung, dass Europa eine Herzensangelegenheit sei und mit dem Machtantritt von Helmut Kohl „große Hoffnungen für die weitere Entwicklungen einer Gemeinschaft“ verknüpft seien, „die zwar lebensnotwendig ist, der gegenüber aber zu viele Regierende der nationalen Regierungen nicht das notwendige Verständnis aufbringen.“ Otto von Habsburg wollte Helmut Kohl dazu bringen, den Posten eines Europaministers zu schaffen. „Es wäre natürlich auch höchst wünschenswert, wenn, im Falle einer Koalition, dieser Europa-Minister aus den Unions-Parteien käme.“ Was sich wie der Auftakt zu einer verdeckten Bewerbung in eigener Sache hätte lesen können, war in Wirklichkeit eine eindeutige Parteinahme zugunsten von Dr. Egon Klepsch, dem Otto von Habsburg aus der gemeinsamen Arbeit im Europäischen Parlament verbunden war. Helmut Kohl schrieb am 20. April 1982 in knappen Worten zurück, dass er sich die Anregungen „sehr sorgfältig überlegen“ werde und er die positive Beurteilung der Persönlichkeit Egon Klepschs voll und ganz teile. Helmut Kohl war zwar gerade in Personalfragen kein Freund von externen Zurufen, hatte aber in den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft selbst wiederholt mit dem Gedanken der Einführung des Postens eines Bundesministers für Europafragen geliebäugelt.
Es ist auffällig, dass die Korrespondenz zwischen dem nach einem konstruktiven Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ernannten Helmut Kohl und dem CSU-Europaparlamentarier Otto von Habsburg nicht enger wurde. Es folgte ein freundlicher Austausch von gegenseitigen Höflichkeiten im Zusammenhang mit den Glückwünschen aus Anlass von Otto von Habsburgs 70. Geburtstag im November 1982, aber es fehlte die Dimension der strategischen Tiefe, mit der ein echter politischer Meinungsaustausch hätte begonnen werden können. In seinem unmittelbar nach der Bestätigung von Helmut Kohl als Bundeskanzler in den Wahlen vom März 1983 verfassten Artikel in The Salisbury Review, der zutreffend als „Adenauer’s posthumous victory“ überschrieben ist, lieferte Otto von Habsburg ein aufschlussreiches Charakterbild des Bundeskanzlers. Er sah Kohl als Europäer, der auf einen echten Neuanfang ziele, und zeichnete ihn als den Erben Konrad Adenauers: „Like Adenauer he is a realist, he knows that a purely German re-unification is impossible, that a larger framework is needed.“ Otto von Habsburgs analytische Schärfe und seine Fähigkeit zur Prognose waren bestechend. Wenn er schrieb, dass sich Kohls Charakter in seinen Statements zeige, traf er den Nagel auf den Kopf. „He has no ‚Maybe’s‘ but only ‚Yes‘ or ‚No‘.“
Woran mag es gelegen haben, dass der überzeugte Europäer und Mitglied des Europäischen Parlaments, „Seine Kaiserliche Hoheit Dr. Otto von Habsburg-Lothringen“, wie der Bundeskanzler nunmehr den „Lieben Herrn von Habsburg“ wieder adressierte, und der „sehr geehrte Herrn Bundeskanzler und liebe Herr Kohl“, den Otto von Habsburg immer wieder mit personalpolitischen Bitten, Glückwünschen und freundlichen Zurufen bedachte, nicht zu einem echten inhaltlichen Austausch gelangten, obwohl sie in den entscheidenden Fragen der Gestaltung der europäischen Einigung ganz nahe beieinander standen? Dies bleibt eine Frage, die die Biographen klären müssen. War es die unterschwellige Konkurrenz der Schwesterparteien von CDU und CSU, die Kohl Reserven auferlegte und ihn dazu verleitete, in zwar ausführlichen, aber eben von den Stäben des Kanzleramts vorbereiteten Schreiben zu Einzelfragen - wie etwa in Beantwortung des Schreibens von Otto von Habsburg vom 14. Dezember 1983 zu Angola und Namibia (die Antwort erfolgte am 20. Februar 1984) - Stellung zu beziehen? Oder war es der Stil Otto von Habsburgs, der immer wieder in personalpolitischen Einzelfragen intervenierte, vor dem sich Helmut Kohl schützen wollte? Gerade die Wiedervereinigung Europas, die Heranführung der ostmitteleuropäischen und osteuropäischen Reformstaaten an die europäisch-atlantischen Strukturen hätte genügend Bezugspunkte für eine Vertiefung der Zusammenarbeit geben können.
Abgebrochen ist der Kontakt in den ganzen 16 Jahren von Helmut Kohls Amtszeit als Bundeskanzler freilich nie. Das Verbindende überwog. Im Jahr 2002 sprach Helmut Kohl dann auf Einladung Otto von Habsburgs bei der Generalversammlung der Paneuropa-Union in Wien als Hauptredner. Die Einladung dazu hatte Otto von Habsburg, in einer Zeit, in der die öffentliche Wahrnehmung Helmut Kohls durch die sogenannte „Parteispendenaffäre“ der CDU getrübt war, mit sehr persönlichen Worten verbunden, als er am 27. September 2001 schrieb: „Ich denke oft an Sie in dieser für Sie so traurigen und harten Zeit. Ich möchte aber, dass Sie wissen, dass Ihre Freunde weiter voll die Treue halten, und dass man in der Bevölkerung eine andere Stimmung findet als diejenige, die die Massenmedien immer wieder zeigen.“
Der letzte im Nachlass von Otto von Habsburg erhaltene Brief von Helmut Kohl datiert vom 2. Juli 2010 und enthält - mit der Anrede „Kaiserliche Hoheit“ - den Dank Kohls für die „freundlichen Worte und die Geste der Verbundenheit“ aus Anlass seines am 3. April zurückliegenden 80. Geburtstags.
Otto-von-Habsburg-Stiftung