Janis Hülder
Helmut Kohl war kein großer Redner – und dennoch einer der erfolgreichsten Politiker der Bundesrepublik Deutschland. Seine Erfolge als Ministerpräsident und Bundeskanzler gründeten nicht auf brillanter Rhetorik, sondern auf seiner konsequenten kommunikativen Rückbindung an den Souverän: das Volk, die Menschen, die Bürgerinnen und Bürger, die Wählerinnen und Wähler.
Franz Josef Strauß und Herbert Wehner – wie wohl niemand sonst stehen diese beiden „Urgesteine der politischen Rede“ (Vogel/Nonnenmacher) für die (vermeintlich) guten alten Zeiten der politischen Streit- und Debattenkultur in der Bonner Republik. Weit weniger schmeichelhaft fällt bis heute die rhetorische Stilkritik gegenüber Helmut Kohl aus: Von Zeitgenossen wurde er „wegen seiner Redeschwäche geschmäht“ (Hermann), und „das unverkennbar pfälzische Idiom seiner Sprache [hat] ihm vielfach das Etikett des ‚Provinzfürsten‘ […] eingebracht“ (Noack/Bickerich). Hellmuth Karasek nannte den Nachfolger von „Schmidt-Schnauze“ einen „sprachlose[n] Schwätzer“ (Karasek), und die Stasi protokollierte: „Kohl mangelt es an Rhetorik“ (Schlegel).
Seinen ersten rhetorischen Schiffbruch erlebte Kohl als junger Abgeordneter im rheinland-pfälzischen Landtag: „Zu Beginn des Jahres 1960 misslingt ihm die Jungfernrede so gründlich, dass sich sogar seine Anhänger peinlich berührt zeigen“ (Noack/Bickerich). Selbst Jahre später erinnern sich „[v]iele Parlamentarier […] noch voller Grausen an seinen Auftritt. In Schweiß gebadet, suchte Kohl nach Manuskriptseiten. Sprachlich, rhetorisch und inhaltlich war es eine miserable Rede“ (Filmer/Schwan). Das Echo auf seine Jungfernrede im Amt des deutschen Bundeskanzlers war nicht freundlicher – im Gegenteil: „Die Antrittsrede von Kanzler Helmut Kohl wurde 1982 von einem geradezu vernichtenden Urteil in den Medien begleitet“ (Korte), und auch die unzähligen Rückblicke auf seine Kanzlerschaft kommen kaum ohne den einen oder anderen Beleg für „Kohls unglückliche Liebe zur deutschen Sprache“ (Zudeick) aus.
Nun ist allerdings ebendiese „Sprache […] nicht nur ein wichtiges Mittel des Politikers, sondern das Element, in dem sein Beruf sich vollzieht. Was er auch tut, auf welchem Felde er auch wirkt, stets arbeitet er mit dem geschriebenen, gelesenen, gehörten oder gesprochenen Wort“ (Greiffenhagen). Dass Sprache „nicht bloß ein Mittel der Politik, sondern Bedingung ihrer Möglichkeit“ (Kopperschmidt) ist, gilt in besonderer Weise für demokratische Politik. Denn deren Legitimität bedarf einer „ständige[n] Erneuerung durch kommunikative Vermittlung ihrer Geltungsgründe“ (Sarcinelli, 2011). Insofern kann demokratische Politik mit einer viel zitierten Definition durchaus treffend charakterisiert werden als „die Kunst, im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen“ (Lübbe).
Vier gewonnene Bundestagswahlen und mehr als 16 Jahre Amtszeit belegen eindrücklich, dass Helmut Kohl diese Kunst beherrschte – wenngleich er „keiner der größten Redner in der deutschen Politik“ (Hermann) war. Wenn aber gilt, dass „[m]ehr als für jeden anderen obersten Amtsträger […] für den Bundeskanzler ‚Legitimation durch Kommunikation‘ politische Maxime und Machtfaktor zugleich [ist]“ (Sarcinelli, 2011), so stellt sich die Frage, wie Helmut Kohl dieser Maxime gerecht wurde: Was war Kohls kommunikativer Machtfaktor?
Antworten auf diese Frage sind zuvorderst an jenem Ort zu vermuten, der wie keine andere „politische Institution […] ihren auf Kommunikation ausgerichteten Zweck so klar im Namen [trägt]“ (Patzelt): im Parlament, das „schon seiner ursprünglich französischen Bezeichnung nach Sprechen, Besprechung, Versammlung und in metonymischer Umdeutung dann auch der Ort [ist], an dem gesprochen oder genauer: beraten wird“ (Burkhardt). Zwar „ist der Bundestag das einzige Staatsorgan in Deutschland, das aufgrund der Wahl seiner Abgeordneten durch das Volk sich unmittelbarer demokratischer Legitimation rühmen darf“ (Schmidt), zugleich muss er zur stetigen Erneuerung dieser Legitimation zwischen den Wahlen als „kommunikative Schalt- und Politikvermittlungsstelle“ (Sarcinelli, 2011) fungieren und die „Hauptlast der formalen demokratischen Legitimation tragen“ (Dreier). Mit anderen Worten: „Plenardebatten sind Legitimationsdebatten“ (Klein).
Bundesregierung/Richard Schulze-Vorberg
Eine solche stand bereits am Beginn der Kanzlerschaft Kohl: Am 1. Oktober 1982 beriet der Deutsche Bundestag über den gemeinsamen Antrag von CDU/CSU und FDP gemäß Artikel 67 des Grundgesetzes. Demnach kann das Parlament einem amtierenden Bundeskanzler das Misstrauen aussprechen, indem er mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen Nachfolger wählt (Art. 67 GG). Allerdings hatte der amtierende Kanzler die Legitimität dieses konstruktiven Misstrauensvotums schon im Vorfeld in Zweifel gezogen: Helmut Schmidt berief sich auf das Ergebnis der Bundestagswahl 1980 und damit gleichsam auf die aus seiner Sicht höchste Instanz demokratischer Legitimation: „Die Wählerinnen und Wähler haben der sozialliberalen Koalition und der Bundestag daraufhin mir ein vierjähriges Mandat gegeben. […] Wenn Sie aber, Herr Dr. Kohl, in geheimer Wahl vom Bundestag zum Nachfolger gewählt werden sollten, […] so müßten Sie […] Neuwahlen erzwingen, und zwar aus zwei Gründen: Erstens: Weil ein Bundeskanzler nicht nur grundgesetzliche Legalität braucht, sondern auch […] die geschichtliche Legitimität, die nur der Wähler ihm geben kann; […] und zweitens: weil Sie dem Volke vorher sagen müssen, was Sie tatsächlich anders machen wollen“ (09. 09.1982).
Am 1. Oktober wurde Helmut Kohl dann „im Bundestag zum Kanzler gewählt, am 13. sollte die Regierungserklärung folgen. Auch ein Termin für eventuelle Neuwahlen war bereits geplant: der 6. März 1983“ (Dettling/Geske). Kohl bekräftigte später: „Ich wollte das Votum der Wähler“. Folgerichtig behielt er bei der Konzeption seiner Regierungserklärung „immer das Datum der Neuwahlen […] vor Augen. Schon im Vorfeld der Regierungserklärung war Kohl klar, dass diese nur für einen kurzen Zeitraum Geltung beanspruchen konnte. Politikbereiche, die in diesem knappen Zeitraum nicht richtungsweisend behandelt werden konnten, wurden von vornherein ausgeklammert“ (Dettling/Geske).
Kohl wusste, dass seine erste Rede als Regierungschef den von ihm selbst einmal formulierten Anspruch, Regierungserklärungen müssten eine „Magna Charta der Regierungspolitik“ sein, nicht würde einlösen können, denn er war zunächst „durch das Misstrauensvotum und den damit verbundenen Sturz seines Vorgängers Helmut Schmidt aus dem Kanzleramt an die Macht gekommen. Diesen Schritt musste er nun vor der Öffentlichkeit und dem Parlament rechtfertigen“ (Dettling/Geske) – Legitimation durch Kommunikation war gefragt.
Und so betonte Kohl denn auch: „Herr Präsident, meine Damen und Herren, dies ist keine der üblichen Regierungserklärungen am Beginn einer vierjährigen Legislaturperiode. […] Die Koalitionsparteien FDP, CSU und CDU haben vereinbart, […] sich am 6. März 1983 dem Urteil der Wähler zu stellen“ (13.10.1982). Diese Zusage löste der Bundeskanzler durch eine absichtlich verlorene Vertrauensfrage ein, in deren Folge Bundespräsident Karl Carstens (CDU) den Bundestag auflöste. Obwohl Willy Brandt (SPD) 1972 einen Präzedenzfall geschaffen hatte, um auf diesem Wege Neuwahlen herbeizuführen, bedurfte nach dem konstruktiven Misstrauensvotum nun auch dieser parlamentarische Vorgang einer kommunikativen Legitimation.
In der Debatte über den Antrag des Bundeskanzlers gemäß Artikel 68 GG erklärte Helmut Kohl am 17. Dezember 1982, die Koalition aus CDU/CSU und FDP habe „von Anfang an angestrebt, dem Wähler so bald wie möglich Gelegenheit zu geben, sein Votum zur Politik der Koalition der Mitte […] abzugeben. Meine Damen und Herren, das bedeutet: Erstens. Wir wollten ein auf das Notwendigste konzentriertes Dringlichkeitsprogramm. Zweitens. Wir wollten uns nach Verabschiedung des Programms unverzüglich dem Wähler stellen. […] Nachdem wir das Dringendste getan haben, ist es geboten, sich dem Votum des Wählers zu stellen. […] Meine Damen und Herren, die weit überwiegende Mehrheit unserer Bürger will ebenfalls Neuwahlen. […] Ich bin davon überzeugt, daß die angestrebten Neuwahlen notwendig sind. […] Das notwendige Dringlichkeitsprogramm ist erfüllt. Mit der Erfüllung dieses Programms ist für die Weiterarbeit der Koalition eine parlamentarische Grundlage nicht mehr gegeben. Wir wollen nun den Wähler bitten, uns den Auftrag für eine langfristige Politik der neuen Koalition der Mitte zu geben. […] Für die weitere Arbeit der Koalitionsparteien bedarf es einer neuen parlamentarischen Grundlage. Diese Grundlage soll der Wähler gewähren. […] Ich bin der Auffassung, daß der von mir gewählte Weg zur Auflösung des Bundestages überzeugend und verfassungsrechtlich einwandfrei ist. […] Die Koalition braucht als Grundlage für die notwendige, langfristige und breit angelegte Politik der Erneuerung eine Entscheidung des Wählers. Alle im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien wollen Neuwahlen. Es gibt keine Mehrheit des Bundestags, die bereit ist, eine andere Regierung zu wählen. Mit ihrem Wunsch nach Neuwahlen entsprechen die Parteien einem Wunsch der großen Mehrheit unserer Bevölkerung“.
In seiner vergleichsweise kurzen Rede führte der Bundeskanzler insgesamt siebenmal die Wähler sowie die ‚Mehrheit unserer Bürger‘ und die ‚Mehrheit unserer Bevölkerung‘ an, um die geplante Auflösung des Bundestages samt anschließender Neuwahlen zu rechtfertigen. Diese Form der direkten sprachlichen Bezugnahme auf den Souverän – die Wähler, die Bürger, die Bevölkerung – diente Kohl als Strategie der kommunikativen Rückbindung. Denn, wie gesehen, hängt die Legitimität demokratischer Politik neben ihrer systemischen „Rückbindung an allgemeine und freie Wahlen“ (Sarcinelli, 2000) und einer inhaltlichen „Rückbindung der Regierenden an die Regierten über den Wahlakt hinaus“ (Rhomberg) auch maßgeblich von ihrer „kommunikative[n] Rückbindung […] an die […] Meinungs- und Willensbildung der Bürger (Ismayr)“ ab. Eine Analyse kommunikativer Rückbindungsstrategien im Deutschen Bundestag seit 1949 zeigt, dass die Abgeordneten durch die direkte sprachliche Bezugnahme auf ihren Souverän „vor allem um Legitimation rangen. Das heißt, sie waren entweder darum bemüht, sich kommunikativ an den Souverän rückzubinden und ihr Handeln dadurch zu legitimieren […] oder ihren politischen Gegner:innen die Rückbindung an Volk, Bürger:innen und Wähler:innen abzusprechen und sie auf diese Weise zu delegitimieren“ (Hülder).
KAS/Rainer Unkel
Während die kommunikative Delegitimation des politischen Gegners klassischerweise eine Strategie der Opposition ist, zielen Politikerinnen und Politiker in Regierungsverantwortung überwiegend darauf ab, ihr Handeln kommunikativ zu legitimieren (vgl. ebd.). So bemühte sich Helmut Kohl in seiner ersten Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag beispielsweise über eine rhetorische Klammer um kommunikative Rückbindung ans Volk: „In dieser Stunde“, so formulierte er zu Beginn, „hat unser Volk ein Recht auf Wahrheit […] Die Wahrheit über das, was getan worden ist, und die Wahrheit über das, was getan werden muß“ (13.10.1982). Nach den Ausführungen über das, was aus seiner Sicht bis zur Neuwahl am 6. März 1983 getan werden musste – Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Reform der sozialen Sicherungssysteme, Konsolidierung der Staatsfinanzen –, schloss Kohl mit Worten, mit denen schon Konrad Adenauer am Ende seiner ersten Regierungserklärung um Legitimation für sich und seine Regierung geworben hatte: „,Wir hoffen – das ist unser Ziel –, daß es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärts zu führen und beizutragen zum Frieden in Europa und der Welt‘“ (13.10.1982).
Das deutsche Volk steht in dieser von der Präambel des Grundgesetzes inspirierten Formulierung als Ziel der Politik rhetorisch an erster Stelle. Diesen Anspruch einer am Souverän orientierten Politik hatte Helmut Kohl schon zuvor erhoben, nannte er doch stets „als Anliegen und Ziel seiner Politik im Land schlicht ‚den Menschen‘“ (Hermann). Auch dieser Form der kommunikativen Rückbindung bediente sich Kohl in seiner Regierungserklärung am 13. Oktober 1982. Gleich zu Beginn stellte er fest: „Die Koalition der Mitte, zu der sich CDU, CSU und FDP zusammengeschlossen haben, beginnt ihre Arbeit in der schwersten Wirtschaftskrise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Diese Krise hat das Vertrauen vieler Menschen, vieler Mitbürger in die Handlungsfähigkeit unseres Staates erschüttert“.
Die Bestandsaufnahme des neugewählten Kanzlers war zugleich als Angriff auf seinen durch das konstruktive Misstrauensvotum abgewählten Amtsvorgänger zu verstehen. Nach der vorgezogenen Bundestagswahl 1983 griff Kohl dieselbe Formulierung noch einmal auf, um das bisherige Wirken der von ihm geführten Bundesregierung kommunikativ zu legitimieren: „Die Koalition der Mitte […] begann ihre Arbeit vor einigen Monaten in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates war bei vielen erschüttert. […] Die Regierung der Mitte hat einen Anfang gemacht, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen, die Systeme sozialer Sicherheit zu festigen, der Wirtschaft wieder Mut und den Menschen wieder Vertrauen zu geben. […] Die Regierungsparteien […] haben vor der Wahl getan, was getan werden mußte, und gesagt, was nach der Wahl zu tun ist. Und die Wähler haben unserem Programm der Erneuerung zugestimmt“ (04.05.1983).
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Dass Helmut Kohl im Parlament so intensiv die kommunikative Rückbindung an den Souverän – die Wähler, die Menschen, die Mitbürger, das Volk – suchte, erlaubt durchaus Rückschlüsse auf sein Politikverständnis, denn gerade die „hochritualisierte Rede in Form der Regierungserklärungen ist in jedem Wort sensibel kalkuliert“ (Korte). Seine erste Regierungserklärung gab Kohl am 20. Mai 1969 als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz ab. Insgesamt 28-mal nahm er darin direkt Bezug auf die Bürger und betonte dabei die Bedeutung kommunikativer Rückbindung für die Legitimation demokratischer Politik: „Die Demokratie lebt mehr als jede andere Staatsform von der Zustimmung ihrer Bürger und deren Teilnahme am politischen Leben. […] Die staatlichen Organe sind verpflichtet, alles, was das Verhältnis Bürger und Staat stört oder belastet, zu beseitigen. […] Es gilt […], das Mißtrauen des Bürgers, das sich immer wieder gegenüber staatlicher Macht und Autorität anstaut, abzubauen. Das Verhältnis von Bürger und Staat ist besonders dann Belastungen ausgesetzt, wenn sich die politische Führung den Existenzfragen der Bürger verschließt […] Unabdingbare Voraussetzung für lebendige und funktionsfähige Demokratie ist die dauernde Verständigung zwischen Bürger und Staat, Regierung und Öffentlichkeit. Der Bürger braucht mehr Einblick in die Arbeit der Regierung, des Parlaments, der Verwaltung und der Rechtsprechung. […] Das setzt voraus […], daß die Repräsentanten des Staates durch Sprache und Stil dem Bürger verständlich sind. […] Dem neuen Verwaltungsstil entspricht, daß der Bürger nicht als lästiger Bittsteller behandelt […] wird. […] Ein Staat, der eine möglichst offene Verständigung mit seinen Bürgern sucht, weckt auch das Interesse und die Bereitschaft des Bürgers, sich für Aufgaben des allgemeinen Wohls zur Verfügung zu stellen.“
Kohl beendete seine Rede vor dem rheinland-pfälzischen Landtag mit einem Appell, der Volk und Volksvertretung gleichermaßen in die Pflicht nahm, am demokratischen Gemeinwesen mitzuwirken: „Ich darf die Mitglieder des Hohen Hauses und alle Bürger unseres Landes bitten, an der Gestaltung dieses unseres Landes Rheinland-Pfalz und damit an der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes mitzuarbeiten“. Dabei ging der Ministerpräsident mit gutem Beispiel voran: „Vom ersten Amtstag an versuchte Kohl, das von ihm immer wieder beschworene Prinzip der Bürgernähe in Taten umzusetzen. Er führte regelmäßige, öffentliche Sprechstunden des Ministerpräsidenten ein“ (Filmer/Schwan), die ihm selbst in guter Erinnerung blieben: „Das war ein Novum in Deutschland. Erstmals suchte ein Ministerpräsident auf diesem Wege den Kontakt zu den Menschen seines Landes“. Dieser Kontakt zu den Menschen, die wortwörtliche Bürgernähe, zahlte sich aus, machte sie doch bei der Landtagswahl 1971, die der CDU eine absolute Mehrheit einbrachte, viele Bürgerinnen und Bürger zu Wählerinnen und Wählern. Legitimation durch Kommunikation ist also in der Tat ein demokratischer Machtfaktor.
Zugleich bemühte sich Helmut Kohl Zeit seines politischen Wirkens darum, die Grundüberzeugungen seiner Politik kommunikativ an den Souverän rückzubinden, wobei er „vor allem zwei ‚Visionen‘ hatte: Europäische Einigung und deutsche Einheit […], die er geradezu emphatisch in die Seelen der Bevölkerung zu pflanzen suchte“ (Fröhlich). Schon als junger Ministerpräsident hatte der spätere Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas Deutschland- und Europapolitik in einem Atemzug genannt: „Wer die Geschichte der Landschaften dieses Landes […] kennt, weiß, daß die Zugehörigkeit zu einem geeinten Deutschland für uns alle in diesem Lande […] selbstverständlich ist. Die Landesregierung hat schon aus dem Grunde besonderen Anlaß, eine Politik zu unterstützen, die möglichst bald die gewaltsame widernatürliche Teilung unseres Vaterlandes beendet. Aus eben demselben Grunde aber wurde der europäische Gedanke von Bürgern unseres Landes stets als Fortschritt für den Frieden verstanden“ (20.05.1969). Ganz ähnlich begründete Kohl als Kanzler seine Europapolitik: „Wir wollen neue Wege zur Einigung Europas öffnen. […] Europapolitik war und ist immer zuerst eine Politik für den Frieden in Freiheit. Das müssen wir wieder mehr als bisher ins Bewußtsein unserer Bürger bringen“ (13.10.1982). Ein solches Bemühen, „den Bürgern und Wählern seine Idee eines künftig supranationalen, gemeinsamen Europas nahezubringen“ (Hermann), hatten ihm Zeitgenossen schon vor seiner Kanzlerschaft attestiert.
Nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl forderte Kohl dann mit Blick auf die damalige Europäische Gemeinschaft: „Der einzelne Bürger muß stärker als bisher und ganz unmittelbar verspüren: Diese Gemeinschaft ist sein Europa. Neues Element eines solchen Europas der Bürger könnte eine ‚Europa- Bürgerschaft‘ sein, die auf der nationalen Staatsbürgerschaft aufbaut“ (30.01.1991). Tatsächlich wurde die Europa- bzw. Unionsbürgerschaft erstmals mit dem Vertrag von Maastricht etabliert, auf dessen Grundlage die Europäische Gemeinschaft zur Europäischen Union politisch weiterentwickelt wurde.
Als der Deutsche Bundestag am 2. Dezember 1992 über die Ratifizierung des Maastrichter Vertragswerks debattierte, beschwor der Kanzler: „Diese Europäische Union kann nur entstehen, wenn sie von den Bürgern mitgetragen wird. Das müssen wir den Bürgern verständlich machen können. Das hat Konsequenzen für die Sprache – übrigens auch für die Sprache des Europäischen Parlaments und der Reden –, das hat aber auch für unsere eigene Diskussion zu diesem Punkt Konsequenzen. Wir müssen die Fähigkeit aufbringen, den Menschen klarzumachen, daß es ihr Europa ist, das hier entsteht, und nicht das von irgendwelchen Bürokraten, die machtbesessen sind“ .
In der letzten großen europapolitischen Debatte seiner Amtszeit erneuerte Kohl diesen Appell: Am 23. April 1998 stand in Bonn die Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung zur Abstimmung, und der Bundeskanzler forderte, „den Menschen überall in Deutschland [zu] sagen, daß dies, was hier geregelt und entschieden wurde, in ihrem Sinne ist“. Kohl kam dabei zu dem Schluss, dass der „europäische Integrationsprozeß […] innerhalb weniger Jahre eine beachtliche Wegstrecke zurückgelegt [hat]“. Er wusste jedoch auch, „daß uns noch ganz wichtige Abschnitte bevorstehen, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Akzeptanz der Bürger unseres Landes“.
KAS/Harald Odehnal
Damit schließt sich gewissermaßen ein Kreis: Vom ersten Tage im Amt des Ministerpräsidenten bis zu seinen letzten Tagen im Amt des Bundeskanzlers, von Rheinland-Pfalz über das wiedervereinigte Deutschland bis nach Europa stellte Helmut Kohl die Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt seiner Politik – und seiner Kommunikation. Er war „überzeugt, als Mann aus dem Volk ein Gespür für Volkes Stimme zu haben“ (Noack/Bickerich), er sprach „Dialekt, was ihn von den meisten anderen Spitzenpolitikern unterschied“ (Schwan/Steininger) und er zeichnete sich durch eine gewisse „Genügsamkeit [aus], sich mit einem bescheidenen Wortschatz als Politiker und als Mensch zu artikulieren“ (Hermann). Diese vermeintliche rhetorische Schwäche tat der politischen Stärke Helmut Kohls keinen Abbruch: „Viele Menschen hielten ihn für zuverlässig und vertrauenswürdig, für einen der Ihren. Bürgern diente er als Identifikationsfigur. Trotz aller Komplexität fanden sie sich in ihren Lebensgewohnheiten, Meinungen, Überzeugungen und in ihrer Sprache im Bundeskanzler wieder. Er vermittelte den Eindruck: ‚Ich bin einer von euch, spreche das aus, was ihr denkt!‘ Für einen erheblichen Teil der Wähler verkörperte er, wie kaum ein anderer Glaubwürdigkeit“ (Schwan/Steininger). Sie dankten es, indem sie ihm immer wieder im doppelten Wortsinn ihre Stimme gaben. Und so kann es kaum überraschen, dass der im Deutschen Bundestag seit 1949 kommunikativ „mit Abstand rückbindungsstärkste Bundeskanzler […] derjenige [war], der bis heute am längsten amtierte: Helmut Kohl“ (Hülder).